nicole gugger Wissen präsentieren: echt. einfach. emotional.

#Leuchtfeuer Alexander Gerst

Los geht's mit dem ersten Teil der Serie #Leuchtfeuer.
Alexander Gerst über die blue dot mission.

Es ist noch nicht lange her, dass er auf der diesjährigen Republica seinen Vortrag über 6 Monate Leben und Arbeiten auf der ISS gehalten hat. Und die Begeisterung die auf Twitter über diesen Vortrag von @Astro_Alex deutlich spürbar war, hat gute Gründe. Der ganze Vortrag geht eine gute Stunde und ist damit nicht gerade kurz. Aber SEHR sehenswert und kurzweilig!

»down-to-earth, up in space«

So möchte ich den Vortrag gerne charakterisieren. Denn obwohl es um ein reichlich »abgehobenes« Thema geht, wirkt Alexander Gerst unglaublich bodenständig und wie der (super)nette Mensch von nebenan. Sein Stil: Im lockeren Plauderton erzählt er mit fühlbarem Herzblut von einer hochwissenschaftlichen Mission.

Und damit sind wir schon beim ersten bemerkenswerten Punkt. Irgendwie drängt sich schnell auf – naja, mit dem Thema ist es ja auch einfach zu begeistern. Andererseits ist der Mann Geophysiker und hat zahllose wissenschaftliche Auszeichnungen. Von einem hochrangigen Wissenschaftler erwartet man erstmal etwas anderes als Anekdoten über Toilettengänge und eine nahezu kindliche Begeisterung. Aber genau das ist es, was ihn so nahbar und sympathisch macht.

Im Berufsleben hört man oft Zweifel, ob solche persönlichen Anekdoten nicht der Professionalität und Seriösität schaden. Alexander Gerst ist das perfekte Beispiel, dass dem nicht so ist. Niemand zweifelt nach diesem Auftritt seine Kompetenz an. Im Gegenteil, sein dauerhafter Plaudermodus macht ihn sehr, sehr menschlich. Die eh schon bestehende Hochachtung wird durch die gewonnene Sympathie noch größer.

Wenn er ab Minute 8:35 von dem »lebendigen Biest« spricht oder kurz darauf von dem vermeintlichen Windows 95 Start-Knopf, ist seine eigene Begeisterung für das was er dort tut, deutlich sichtbar. Seine Sprache ist anschaulich, alltagstauglich und auch für die Kinder im Publikum verständlich. Und niemand legt ihm das negativ aus. (Das ist übrigens eine Parallele zu Steve Jobs.)

In Minute 15:28 beschreibt er die ersten Wochen und nutzt eine weitere anschauliche Metapher »wie aus einem Feuerwehrschlauch zu trinken«. Damit ist das Gefühl der Überwältigung und Überforderung für jeden fühlbar gemacht.

Ansteckender, gelebter Respekt

Zugleich formuliert er immer und immer wieder seinen Respekt, vor dem, was die Menschen dort oben, aber auch alle anderen Personen, die in irgendeiner Form an diesen Missionen beteiligt sind, leisten. Man spürt wie er ehrlich beeindruckt ist, von dem was dort möglich gemacht wird. Welche Entwicklungen die Untersuchungen im All langfristig ermöglichen.

13:15 zeigt er die ISS als Gesamtbild mit den Worten »wirklich, wirklich faszinierend« und seine Ausführung über die Entstehung nötigt jedem Menschen, der jemals mit Projekmanagement konfrontiert war, mit Sicherheit Respekt ab.

Ein schönes Beispiel findet man auch ab Minute 17:12 wenn er das »schnellste Weltklasselabor Europas« beschreibt und uns eindrücklich vermittelt, dass dieser kleine, unordentlich wirkende Raum einem »kompletten Universitäts-Labor-Gebäude« entspricht und dabei Begriffe wie einzigartig und Weltklassetechnologie benutzt. Aber dann auch ganz konkrete Beispiele, z.B. die Osteoporoseforschung benennt, wofür man diese Untersuchungen nutzen kann.

Immer wieder bindet er das Publikum mit kurzen Fragen ein und erntet viele Lacher, indem er zutiefst menschliche Anekdoten über Unterhosen, Missgeschicke und ähnliches einbaut. Es gibt nicht ein einziges Indiz für Arroganz in seinem Auftritt. Auch seine Arbeitskleidung trägt z.B. dazu bei. Wenn er in einem klassischen Anzug erschienen wäre, hätte es seinem Auftritt einen ganz anderen Eindruck vermittelt.

Es mögen durchaus bewusste Überlegungen dahinter stecken, doch da der Gesamteindruck absolut konsequent ist, wirkt es durch und durch authentisch und damit überzeugend sympathisch.

Nachhaltige Inspiration

Dieser Respekt kommt auch dadurch zum tragen, dass er uns immer wieder vor Augen hält, wie seine Perspektive von oben einem bewusst macht, wie verletzlich unsere Erde, unsere Atmosphäre eigentlich ist. 35:45 zeigt er zum Beispiel ein Bild vom Amazonas und spricht von»Strassen, die sich in den Wald reinfressen wie ein Krebsgeschwür« und wie schockierend das ist, wenn man es mit eigenen Augen sieht. Die drastische Sprache erzielt eindeutig Wirkung.

Mein persönliches Highlight beginnt 36:40 wenn er in der Folge davon spricht, dass »wir uns als intelligente Spezies bezeichnen, aber unsere sehr zerbrechliche Lebensgrundlage zerstören und uns gegenseitig umbringen« und dass er nicht wüsste wie man das einer anderen intelligenten Spezies erklären könnte. Man kann in diesem Moment nicht anders als betroffen zu nicken, was auch durch spontanen Applaus zum Ausdruck gebracht wird.

Durch seine Herleitung hat sich zu diesem Zeitpunkt der Eindruck schon in den Köpfen schon gefestigt und er fasst es nun in sehr eingängigen Worten zusammen. Und bleibt damit im Kopf. Ohne jedoch den moralischen Zeigefinger zu erheben, sondern nur wie diese Erfahrung seine Perspektive – im wahrsten Sinne des Wortes – verändert hat. Und das hilft wunderbar, eine gefühlte Gemeinsamkeit mit dem Publikum zu entwickeln. Es gibt kein gefühltes »er und das Publikum«, sondern er entwickelt ein Wir-Gefühl.

Und wenn er mit den Worten schließt »Lasst Euch Euren Traum nicht ausreden! Gebt ihm wenigstens eine Chance.« sitzen die gefühlten, potentiellen Helden plötzlich im Publikum. Es gibt keinen besseren Weg um Herzen zu gewinnen.

Konsequent bildhaft

In Wort und Bild. »Es gibt mehr Sterne im Universum als Sandkörner auf der Erde« ab Minute 54:30 ist ein wundervolles Bild in den Köpfen. Er nutzt viele solcher Beschreibungen.

Und nicht zuletzt – er nutzt konsequent Fotos zur Verdeutlichung. Natürlich ist es in seinem Fall relativ einfach mit Bildern zu beeindrucken. Aber das heißt noch lange nicht, dass es jeder konsequent tun würde. Es wäre soviel einfacher gewesen ein paar Daten, Zahlen, Fakten in Stichworten runterzuschreiben. Doch er zeigt Fotos und redet dazu frei.

Sein Beispiel zeigt hervorragend, wie gut es funktioniert wenn man dieser Versuchung widersteht. Und wieviel einfacher es so für das Publikum ist, aufmerksam dabei zu bleiben. Und diese Aufmerksamkeit lohnt sich!

Der kleine Schritt zur »Perfektion«

Es ist ein bisschen schade, wie oft wir sein sympathisches Lächeln, seine Betroffenheit, aber auch das Funkeln in seinen Augen nicht zu sehen bekommen, weil er den Blick zur Wand hinter sich richtet. Und das geschulte Ohr stolpert häufiger über kurze »äh«s und gelegentliche Schnalzer in seinem Vortrag. Das ließe sich mit überschaubarem Aufwand wegtrainieren und würde eine potentielle Ablenkung minimieren für die, die es bemerken. Andererseits zeigt es, dass es einen sonst tollen Vortrag kaum schmälert, wenn es so kurz und nur ab und an passiert.

Alles in allem – Danke Alexander Gerst für diesen tollen Vortrag und ein großartiges, deutschsprachiges Beispiel für eine inhaltlich wertvolle, anspruchsvolle und extrem unterhaltsame Rede.

Ein echtes Leuchtfeuer der Präsentation.
Von der Sorte bitte viel, viel mehr!

 

Bildquelle pixabay

Noch keine Kommentare vorhanden

Einen Kommentar schreiben